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Schöne neue Welt

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oder auch …eure Wan­zen seid ihr selbst.

Seit ges­tern fei­ert unsere Regie­rung die Ein­füh­rung des top-modernen E-Ausweises. Ein Rie­sen­schritt für alle Online-Shopper, -Ban­ker und in den Überwachungsstaat.

Einige Leser wer­den sich jetzt wohl den­ken: “Oh man - noch so ein para­no­ider Spin­ner.” Nun ja, para­noid bin ich mit­nich­ten. Monkey

Im gewis­sen Maße bin ich sogar für eine staat­li­che Über­wa­chung. Schließ­lich haben wir alle das Recht, in einem siche­ren Land, egal in wel­cher Hin­sicht, zu leben und kön­nen dies­be­züg­lich den Staat auch in die Pflicht neh­men. Ich möchte mich mor­gens auch noch schlaf­trun­ken zum Bäcker bege­ben kön­nen, ohne dass mir das Bröt­chen­geld gestoh­len wird, oder -für die Pessimisten- mir der nächst­beste unauf­fäl­lige Lie­fer­wa­gen um die Ohren fliegt. Der Staat soll für Ord­nung sor­gen, dafür muss er geeig­nete, aber auch ver­hält­nis­mä­ßige Maß­nah­men ergrei­fen können.

Sicher­lich - geeig­net für das Ganze wäre auch die Implan­ta­tion eines Chips, der mei­nen per­sön­li­chen ID-Code und einen Ortungs-Chip ent­hält. Aber, zumin­dest noch der­zeit, schei­tert das wohl an der Ver­hält­nis­mä­ßig­keit. Dies soll nur als Bei­spiel die­nen, ein leicht über­zo­ge­nes - oder?

Aber zurück zum neuen Klei­nen. Klei­ner soll er ja wer­den - so groß wie eine Scheck­karte. Das macht es viel kom­for­ta­bler, die­sen auch wirk­lich über­all hin mit­zu­neh­men - warum auch nicht. Schließ­lich macht er das Erstei­gern gebrauch­ter Sachen bei e-bay oder das Online-Banking siche­rer. Tech­nisch setzt das natür­lich ein geeig­ne­tes Gerät vor­aus, das die vor­han­de­nen Daten auch aus­le­sen kann. Das Ganze kann dann durch eine per­sön­li­che ID ergänzt wer­den. So bekom­men wir als noch eine Num­mer - wie unprak­tisch, haben wir doch schon eine eigene lebens­lange Steu­er­num­mer. Prak­ti­scher wäre es natür­lich, beide zu ver­schmel­zen, Num­mern sind eh ein­deu­ti­ger als Namen Evil . Mit die­ser digi­ta­len Signa­tur und durch gespei­cherte Zer­ti­fi­kate kann man sich die War­te­rei in deut­schen Amts­stu­ben erspa­ren und mit den ent­spre­chen­den Ver­wal­tungs­or­gan­gen per Inter­net kommunizieren.

Wei­ter­hin wird ver­pflich­tend ein Pass­foto digi­tal auf den Aus­weis gespei­chert. Wer will kann auch seine Fin­ger­ab­drü­cke spei­chern las­sen - dafür gibt´s dann spe­zi­elle Bonus-Features. So benö­tigt man auf dem Gebiet des Schen­ge­ner Abkom­mens kei­nen Rei­se­pass mehr. Das geschieht dann aber frei­wil­lig - so wie ein Mas­sen­gen­test. Wenn man an letz­te­rem nicht frei­wil­lig teil­nimmt, macht man sich auch gar nicht ver­däch­tig. (Nein, diese Maß­nahme zum Auf­spü­ren von Ver­ge­wal­ti­gern und Kin­der­schän­dern unter­stütze ich - diese “Dop­pel­mo­ral” leiste ich mir.)

Die Kos­ten dafür muss übri­gens der Bür­ger tra­gen - das ist ja aber klar. Damit meine ich expli­zit die Kos­ten für das Lese­ge­rät. Die Kos­ten des neuen Per­so­nal­aus­wei­ses, wel­che noch unbe­kannt sind, kom­men natür­lich auch direkt dazu, indi­rekt die Kos­ten der gesam­ten Show.

Nun, die ganze Repu­blik freut sich über die Vor­teile, die 2010 auf uns zu kom­men und fai­rer­weise muss auch nicht das Zuge­ständ­nis machen, dass eini­ges wirk­lich ganz schlüs­sig und sinn­voll klingt:

  • siche­re­res Online-Shopping & -Ban­king, wie schon ein­gangs erwähnt
  • ver­min­der­ter Papier­krieg » Anträge, For­mu­lare etc. kön­nen direkt aus­ge­füllt und abge­schickt wer­den und müs­sen nicht mehr aus­ge­druckt und unter­schrie­ben werden.
  • (theo­re­tisch) ver­min­der­ter Auf­wand, ver­rin­gerte Kosten Angel
  • etc. pp.

Kri­tisch betrach­tet ste­chen aller­dings einige, öhm, nega­tiv ange­hauchte Punkte ins Auge.

Zual­ler­erst ist das Inter­net natür­lich ein hoch sicher ein­ge­stuf­tes Medium, frei von sub­ver­si­ven Objek­ten aller Art. Kein Mensch auf die­ser Welt wird ver­su­chen, auch nur ansatz­weise, an die so sorg­sam zusam­men­ge­tra­ge­nen Infor­ma­tio­nen und Daten der über 80 Mio Bun­des­bür­ger, zu gelan­gen. Das ist sicher - so sicher wie alle Ser­ver die­ser Welt. So sicher wie Tat­sa­che, dass Benut­zer die­ser Mög­lich­kei­ten, auch auf keine noch so inno­va­tive Betrü­ge­rei her­ein­fal­len wer­den. Phis­hing, Man-in-the-Middle-Attacken, das Cra­cken von Ser­vern, Nut­zen diver­ser Sicher­heits­lü­cken, das Aus­nut­zen der Unwis­sen­heit und Gut­gläu­big­keit der Anwen­der - das alles und noch viel mehr ist ja in kei­ner Weise exis­tent, Fin­ger­ab­drü­cke aus­zu­le­sen und dann gar noch Mus­ter davon anzu­fer­ti­gen - quasi undenkbar.

Aber das ist ja nur eine Seite der Medaille. Auf der ande­ren Seite steht die bloße Hoff­nung, dass der Staat die Masse an Infor­ma­tio­nen und Mög­lich­kei­ten nie­mals mora­lisch bedenk­lich ein­setzt. Selbst blau­äu­gig durchs Leben schrei­tende Men­schen, wie ich, müs­sen doch ein­fach irgend­wann ein­mal tro­cken schlu­cken. Ich will ver­su­chen, einige Punkte, so sie mir ins Gedächt­nis kom­men, anzuführen:

  1. Das Bank­ge­heim­nis ist kei­nes mehr. Jeder Finanz­be­amte und wer weiß, wer noch, kann Ein­bli­cke auf die Kon­ten sei­ner “Kun­den” neh­men, ohne rich­ter­li­chen Beschluss.
  2. Auf deut­schen Auto­bah­nen wird die Maut-Zahlung von einem pri­va­ten Unter­neh­men (tech­nisch) über­wacht, in dem es ein Sys­tem auf­wän­dig instal­lierte, dass den kom­plet­ten flie­ßen­den Ver­kehr über­wa­chen könnte.
  3. In vie­len Bun­des­län­dern wer­den Kennzeichen-Kontrollen durch­ge­führt, d.h. alle Kenn­zei­chen vor­bei­fah­ren­der Autos wer­den auto­ma­ti­siert gescannt, ein­ge­le­sen und mit einer “Sün­der­kar­tei” (oder wie auch immer man dies nennt) verglichen.
  4. Die Vor­rats­da­ten­spei­che­rung, sehr ober­fläch­lich betrach­tet, zwingt Anbie­ter dazu, Ver­bin­dungs­da­ten ihrer Kun­den über sechs Monate zu spei­chern. So dass man fest­stel­len kann, wer sich wann womit ver­bun­den hat. Über Handy-Daten (SMS, Ein­wah­len in Funk­ge­biete) kön­nen kom­plette Bewe­gungs­pro­file erstellt werden.
  5. Das BKA-Gesetz und die Mög­lich­keit der Online-Durchsuchung soll Ermitt­ler die Mög­lich­keit geben, allzu fahr­läs­sige Ter­ro­ris­ten vom Dienst­zim­mer aus zu Leibe zu rücken.
  6. und und und

Auf­fäl­lig ist in mei­nen Augen, wie gesagt, ich bin da eher Laie, dasss der größ­ten Teil die­ser Maß­nah­men sehr gut geeig­net ist:

  • ganz gezielt gegen Geset­zes­bre­cher und Ter­ro­ris­ten vorzugehen,
  • den Groß­teil der Bevöl­ke­rung außen vor lassen,
  • eine hun­dert­pro­zen­tige Sicher­heit zu gewährleisten.

Zwie­lich­tige Gestal­ten wer­den diese Maß­nah­men nie­mals umge­hen oder andere aus­nut­zen kön­nen, nie­mals. Alle Maß­nah­men kom­men dem Sicher­heits­be­dürf­nis der Ein­woh­ner ent­ge­gen, keine dient vor­nehm­lich den Fül­len des staat­li­chen Geldsäckels.

Eben­falls auf­fal­lend ist doch die Mög­lich­keit, die ange­bo­te­nen Dienste zu ver­net­zen. Als Ermitt­ler bräuchte ich doch gar keine Hacker- und Cracker-Methoden mehr anwen­den, um mei­nen Bun­destro­ja­ner auf dem Rech­ner Ver­däch­ti­ger zu instal­lie­ren (der Zutritt zur Woh­nung ist zu die­sem Zwe­cke, soweit ich weiß, ja nicht gestat­tet). Ich könnte mir doch direkt die Lese-Hardware für den E-Ausweis zu Nutze machen.

Anstatt seine Jugend und all­ge­mein die Bevöl­ke­rung vor Social-Networking-Communities zu schüt­zen oder wenigs­tens über mög­li­che Gefah­ren auf­zu­klä­ren, könnte Vater Staat doch seine eigene Com­mu­nity grün­den: Bür­giVZ.

Schöne neue Welt!

Geschrieben am 24.07.2008 von Sven in Aktuelles · Kommentare deaktiviert
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